 | Freitag abend 22.30: Warten auf den Nachtbus(Leito), der uns von Curitiba nach Foz do Iguacu bringen soll. Über das verlängerte Wochenende wollen wir zu siebt ins Dreiländereck mit den größten Wasserfällen starten. Mit von der Partie Basti, Eva, Strucki und Stefan mit seiner Schwester und seinen Eltern, die gerade zu Besuch sind. Wir fahren durch die Nacht, probieren uns in die Schlafkojen zu kuscheln, die Augen zu schliessen und zu schlafen. Wie sich herausstellt nicht ganz einfach, die Sitze sind für größere Personen nicht so geeignet, Basti quescht sich mit Müh und Not in seinen Sitz. |
Ein kurzes Rütteln an der Schulter, ich werde geweckt, wir sind da. Ein wenig schlafgetrunken steige ich aus dem Bus und werde von der Morgensonne - es ist acht Uhr morgens - geblendet. Blauer Himmel und schon mollig warm. Das Wochenende kann beginnen. Stefan hatte bereits aus Curitiba Hotel und Abholservice organisiert, der uns auch schon am Busterminal erwartete. Kurze Busfahrt zum Hotel, einchecken, Zimmer in Besitz nehmen und gleich ans Buffet, um sich für den Tag zu stärken. Ich informiere mich inzwischen beim Touriguide Fernando, was heute und morgen alles machbar ist. Kurze Besprechung mit dem Team und wir entscheiden uns heute die brasilianische Seite zu erkunden und uns dann morgen Argentinien vorzunehmen. Gegen 12.30 Uhr dann Abfahrt zum Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay. Dort treffen die beiden Flüsse Iquaçu(Großes Wasser) und Parana aufeinander, die auch gleich die Grenzen zwischen den drei Ländern bilden. Der Iquaçu ist im Prinzip ein alter Bekannter für uns Curitibaner. Er entsteht durch den Zusammenfluß des Iraí und Atuba in der Gegend von Curitiba. Der Iguaçu durchläuft dann 1060 km von Osten nach Westen bis zu seiner Mündung in den Parana, welcher durch den Zusammenfluß des Paranaíba und Grande an der Grenze der Staaten Minas Gerais, São Paulo und Mato Grosso entsteht und die Grenze zwischen Brasilien und Paraguay bis zur Einmündung des Iguaçu bildet. Nach der Besichtigung des Dreiländereckes geht es weiter zum Wasserkraftwerk Itaip?, welches das größte Wasserkraftwerk Südamerikas ist und angeblich doch noch größer sein soll, als das neu entstehende Dreischluchten-Wasserwerk in China. Entstanden ist Itaip? als Gemeinschaftsprojekt der Länder Brasilien und Paraguay und bekam seinen Namen von einer kleinen Insel im Paraná, auf der sich heute das Kraftwerk befindet. Die Insel wurde von den Indianern "Itaip?" genannt, was "der singende Stein" bedeutet, wegen des singenden Geräusches, das das strömende Wasser an dem Felsen verursachte. Die brasilianischen und paraguayischen Erbauer sind auch mächtig stolz auf ihr Werk und bezeichnen das Kraftwerk Itaip? aufgrund der Dimensionen auch als "Werk des Jahrhunderts", eines der sieben Weltwunder der Neuzeit. Der Bau des Kraftwerkes begann am 17. Oktober 1974 und die 18. Turbine wurde 1991 in Betrieb gesetzt. Bis zum Jahr 2004 soll Itaip? noch 2 Turbinen von 700 MW dazubekommen und sein Potential auf 14.000 MW erhöhen. Momentan stellt das Kraftwerk 25% der benötigten Energie für Brasilien und ganze 90-95% für Paraguay. Das gesamte Kraftwerk können wir gratis besichtigen. Mit mehreren Bussen werden wir zu diversen Sightseeingspots gefahren und verlassen dabei auch zum ersten Mal Brasilien und überqueren die Grenze zu Paraguay. Nach über 90 Minuten endet der Trip wieder beim Haupteingang und gemeinsam steigen wir wieder in unseren klimatisierten Nissan-Minivan. Unser freundlicher Guide fährt uns nun in Richtung der eigentlich Hauptattraktion: zu den Wasserfällen von Iguaçu. Doch vorher machen wir noch einen gemeinsamen Abstecher in den Vogelpark, welcher sehr schön angelegt wurde. Die vielen Vögel leben in großen Käfigen, durch die man gehen kann und so haben wir die Chance mit den Tieren sehr nah in Kontakt zu kommen. Dabei entstehen lustige Fotos mit Papageien oder Tucanen auf dem Arm oder Kopf. Nach diesem Abstecher erreichen wir den Eingang zum Naturschutzpark auf der brasilianischen Seite. Es zahlt sich aus, dass wir unseren Brassi-Ausweis mitgenommen haben, da wir dadurch einiges sparen können. Zum ersten Mal geniessen wir dann den Blick auf die wohl schönsten und größten Wasserfälle der Erde. Angeblich sind die gigantischen Falls neben Rios Zuckerhut das berühmteste Motiv Brasiliens. Auch wir zücken alle unsere Cams und probieren dieses Naturschauspiel irgendwie digital festzuhalten, aber wir sind uns einig, dass dies nicht wirklich möglich ist. Man muß vor Ort gewesen sein, um diese Faszination spüren zu können. Obwohl wir uns anfangs relativ weit entfernt von den Wassermassen befinden, die sich auf ca. vier Kilometern Breite in die Tiefe stürzen, spüren wir die enorme Luftfeuchtigkeit, die gewaltigen Nebelschwaden und die feine Gischt in der Luft, die sich durch ganz feine Tröpfen auf unserer Kleidung niederlässt. Von der brasilianischen Seite aus hat man einen super Gesamtüberblick auf die Falls, die selbst auf der argentinischen Seite liegen. Insgesamt bestehen sie aus 275 einzelnen Fällen, die in Zeiten der Flut zu einer einzigen großen Wasserfront verschmelzen können. Es gibt 19 große Fälle, von denen sich nur drei auf der brasilianischen Seite befinden. Der Höhenunterschied beträgt ganze 72 m. Aber abhängig vom Wasserstand schwankt die Zahl der Fälle zwischen 150 und 275 und ihre Höhe zwischen 40 und 90m. Vor über 150 Millionen Jahren entstanden die Falls als Folge einer Serie von Vulkanausbrüchen. Aber laut einer Legende sollen sie folgendermaßen entstanden sein: Der Indianer-Krieger Taroba vom Stamm der Guarani-Indios raubte das junge und bildschöne Mädchen Naipi, die von ihrem Vater dem Urwaldgott M'BOY geopfert werden sollte. Auf seiner Flucht im Kanu auf dem Fluss erzürnte sich M'BOY und ließ den Fluss tief hinabstürzen, so dass Taroba und die Frau über den Abhang stürzten und mit ihrem Leben bezahlten. So wurden die Wasserfälle von Iguaçu geboren. Entdeckt wurden die Fälle ca. fünfzig Jahre nach Columbus durch den Spanier Alvar Nu?ez Cabeza de la Vaca, der sie als "Los Saltos de Santa Maria" benannte, jedoch konnte sich dieser Name nicht durchgesetzen und der Originalname Iguaçu aus der indianischen Guarani-Sprache wurde beibehalten. Im November 1986 wurde schließlich auf der UNESCO-Generalversammlung der Nationalpark Iguaçu zum Naturerbe der Menschheit erklärt. Völlig begeistert verlassen wir am Samstag die Falls, mit dem Ziel morgen die andere Seite zu inspizieren. Sonntag, gegen 9.30 Uhr verlassen wir das Hotel und fahren auf die argentinische Seite. Die Überquerung der Grenze gestaltet sich sehr unkompliziert und nach 20 Minuten Fahrt stehen wir vor dem argentinischen Eingang des Parkes. Wir entscheiden uns unser heutiges Tagesprogramm ein wenig actionreicher zu gestalten und buchen das Adventure Verde Programm. Mit einer kleinen Eisenbahn fahren wir in die Mitte des Parkes, von dort geht es mit einem zweiten Zug nahe an die Fälle. Über einen 1100 Meter langen Weg kommen wir direkt an die Stelle, wo die Wassermassen zum ersten Mal in die Tiefe stürzen - der sog. Teufelsschlund. Ein atemberaubendes Rauschen und der Blick auf so gewaltige Wassermassen betören die Sinne. Zurück geht es mit einem Schlaufboot. Aus ca. 300 Metern Entfernung sehen wir die riesigen Gischtwolken, die aus der Tiefe emporkommen. Das Boot hat keinen Motor und der Guide lenkt und steuert es nur mit seiner Muskelkraft. Gedanken kreisen in unseren Köpfen, wie nah man ohne Probleme in Richtung der Falls fahren darf ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Letztendlich wird uns die Entscheidung abgenommen und wir fahren in einen abseits gelegenen Flussarm. Entlang des Ufers gibt es einiges zu beobachten: Kaimane, Affen und Vögel. Hier ist es windstill, die Mittagssonne brennt auf unseren Köpfen. Auf unserer Haut kleben die Schwimmwesten. Wir sehen uns nach einer Erfrischung, die wir auch eine Stunde später bekommen sollen. Am Ufer legen wir mit dem Boot ein und fahren mit einem Truck ca. 12km durch den Dschungel. Der Guide klärt uns zwar über die vielen unterschiedlichen Pflanzen und Tiere auf, die uns am Wegrand begegnen, aber soviel können wir gar nicht aufnehmen. Dann nach einem kurzen Walk durch den Dschungel kommen wir an einem Schwimmpoton an, von dem unsere Erfrischungsfahrt losgehen soll. Mit einem Powerboot geht es über den Iguaçu zu den Falls, vorbei an vielen kleinen Falls, erreichen wir die großen Wasserfälle und kommen in den Rachen der Teufelsschlucht. Unseren Rucksack haben wir schon regensicher gemacht, da wir bereits im Vorfeld vor den Wassermassen gewarnt wurden. Doch wir werden nicht verschont werden. Als erstes wird Eva von einer Riesenwelle erfasst und schaut aus wie ein begossener Pudel, was allgemeine Erheiterung hervorruft, welche aber nicht lange anhält, da wir alle innerhalb kürzester Zeit von Kopf bis Fuß komplett durchnässt sind. Die Wassermassen und die aufschäumende Gischt geben uns keine andere Möglichkeit als sich mit dem Wasser hautnah vertraut zu machen. Unvorstellbar wie die tosenden Fluten und die aufpeitschende Gischt einem die Sicht nimmt. Feinste Tropfen prasseln auf die Augenlider ein, der Himmel ist kaum erkennbar. Völlig ergriffen von diesem Specktakel bleibt einem der Freudenschrei im Halse stecken. Als unser Skipper allerdings das Boot Richtung Bootspier lenkte, finden wir unsere Stimmen wieder. "One more time", fangen die Mädels hinter Stefan und mir zu skandieren. Das lassen wir uns nicht nehmen und schwupps erhalten wir die gewünschte Extratour. Völlig überwältigt, aber auch von oben bis unten durchnässt, verlassen wir freudig strahlend das Boot. Klar ein wenig Wehmut ist schon dabei, schließlich war die Fahrt auch atemberaubend und kann kaum in Worte gefasst werden. Während alle schon auf einem schmalen Pfad Richtung Ausgang laufen, nutzen Stefan und Strucki die Möglichkeit ein paar Fotos zu machen und ein paar nette Mädels kennenzulernen. Nach einer kurzen Pause, trennen sich unsere Wege. Stefans Familie bewegt sich Richtung Ausgang und Eva, Basti, Stefan und Strucki erkunden noch die letzten uns unerschlossenen Pfade auf der argentinischen Seite. Nach über neun Stunden im argentinischen Teil des Naturparkes kehren wir überglücklich zum Bus zurück und lassen uns von unserem Fahrer in unser Hotel zurückfahren. Was für ein Tag?! Abgeschlossen wird er mit einem feinen Pizza-Rodizio für 8,50 Reals, da kann man nicht meckern. Am Nationalfeiertag, 15. November (Tag der Verkündung der Republik, erinnert an den Tag, an dem 1889 in Brasilien die Republik ausgerufen wurde), wollten wir eigentlich Paraguay besuchen, aber leider wurde grade heute die Grenze wegen Streik gesperrt. Basti erklärt die Situation so: "Also die Brassis machen immer Stress bei der Einreise nach Brasilien, weil viele Leute aus Paraguay die billigen Sachen einführen wollen, vor allem schmuggeln. Die aus Paraguay sagen, weil es immer so schwer ist nach Brasilien einzureisen, machen wir jetzt auch mal die Grenze dicht. Aber es gibt bestimmt nen politischen Hintergrund, aber den kenn ich grad net." Leider bestätigt uns unser Tourguide Fernando die Sperrung der Grenze. So verbringen wir den ganzen Tag auf der brasilianischen Seite und probieren uns mit Shopping und Chillen in Cafes die Zeit zu vertreiben. Eva ist zwar schwer überzeugt, dass alle Shoppings auf haben, aber das können wir ihr erfolgreich beweisen, dass sie mit dieser These falsch liegt. Irgendwann rückt der Zeiger der Uhr dann doch auf halb zehn vor und der eigentliche Abfahrtstermin unseres Buses ist erreicht. Doch da haben wir uns dann doch arg geirrt. Die gewohnte deutsche Pünktlichkeit kann man hier nicht erwarten. Über eine Stunde warten wir dann auf unseren Leito. Irgendwann wurden dann auch die Jungs vom Rodoviaria (Busbahnhof) unruhig, na gut ein wenig verständlich, irgendwann kam dann doch unser Bus und wir konnten erfolgreich die Heimreise antreten.
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