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Montag, 06 Februar 2012
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Parat? oder die falsche Fähr(t)e PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 28 Dezember 2004
Gestrandet im Hafen von Mangaratiba, weil wir die falsche Fähre von der Ilha Grande ans Festland genommen haben, überlegen wir uns wie es weitergehen soll. Unsere Planung war heute abend noch in Parat? anzukommen, aber leider stellt sich das als unüberwindbares Problem heraus. Wir bringen zwar den Weg in Erfahrung, erst mit dem Bus nach Jacaré fahren, dann weiter nach Angra und dann nach Parat?.

Wir sehen aber nur Busse, die nach Rio oder Itaipu fahren. Es schüttet nach wie vor aus allen Kübeln, direkt zwischen Hafen und Bushaltestelle stellen wir uns bei einer kleinen Lanchonete unter. Ich hab irgendwie Hunger auf Popcorn, kaufe mir eine kleine Tüte. Der Typ macht mir da noch eine komische weiße Soße drauf, die aussieht, naja, ich mags net beschreiben. Zwar schmeckte das Popcorn anfangs auch ganz gut, aber nach schon fünf Minuten ist mir nicht wohl. Da die anderen sich hier auch ein Pasteis kaufen, esse ich auch eins und danach ist mir richtig kotzübel. Vielleicht auch, weil wir zwischenzeitlich viele Kakerlaken entdeckt haben, die in dem Laden herumwuseln.

Als der Bus nach 1,5 Stunden immer noch nicht kam (waren nicht die einzigen Wartenden), die Lanchonete hatte zwischenzeitlich dicht gemacht, gehen wir zur nahe liegenden Tankstelle, um dort zu warten. Wir fragen, was ein Taxi nach Angra(100 R$) bzw. Parat?(200 R$) kosten würde. Preise nicht verhandelbar. Nach unendlichem Warten entscheiden wir uns in diesem Kaff von immerhin 25.000 Einwohnern zu bleiben und morgen in aller Frühe den Bus zu nehmen.

Die Stadt Mangaratiba wurde bereits im Jahr 1700 gegründet, weil ihre kleine Bucht als Ausfuhrhafen für Gold aus Minas Gerais, für Kaffee und die Einfuhr von Sklaven benutzt wurde. Heute wird die Landschaft von grossen Hotels und Wochenendhaus-Anlagen beherrscht und ist ausgestorben und hässlich.

Der Taxifahrer, der uns nicht für weniger Geld nach Parat? fahren wollte, bringt uns gratis zu einigen Pousadas, die meisten sind bereits voll, wahrscheinlich weil alle zur Ilha Grande übersetzen wollen. In einer Absteige kriegen wir noch ein Dreierzimmer, 30 Reals pro Person ohne Frühstück. Preis-Leistung ist skandalös, aber Hauptsache ein Bett. Mir ist kotzübel, ich quäle mich, möchte am Liebsten alles auskotzen, hab aber keine Lust auf den Nachgeschmack?

Gemeinsam haben wir keine große Motivation die Stadt zu erkunden und trinken ein paar Bier auf dem Zimmer. Frühzeitig geht es zu Bett. Ich kann nicht schlafen, das Bett ist hart und schmal, das Doppelbett zu klein für zwei Personen. Außerdem plagen mich Magenkrämpfe, gegen 2.30 Uhr kann ich dann meinen Magen entleeren, 15 Minuten auf dem Klo reichten dann aus. Ich entscheide mich nach draußen zu gehen und finde unter freiem Himmel eine ausgebaute Autorücksitzbank auf der ich es mir bequem mache. Basti, der anscheinend auf einmal zuviel Platz im Bett hatte, besucht mich dann plötzlich auf meiner neuen Liege. Stefan und er hatten sich Sorgen gemacht, ob ich wohlmöglich schlafwandele.

Gegen 6.30 Uhr klingelt schließlich der Wecker, endlich können wir das Kaff verlassen. Wir nehmen um 7.30 Uhr den Minibus nach Jacaré, insgesamt 19 Leute quetschen sich in den Sprinter, einige stehen sogar. Wir mitten drinne mit unseren großen Backpacks. Die Brassis sind ein nettes Völkchen und nehmen artig unser Gepäck auf den Schoss, damit mehr Leute im Bus stehen können. Angekommen im Zielort nimmt sich uns ein weiterer Brassi an und organisiert die Weiterfahrt, wir hatten ihn nicht drumgebeten. Einfach sehr, sehr freundlich. Es geht weiter nach Angra, dort warten wir 10 Minuten bevor wir den Bus nach Parat? nehmen. Für insgesamt 10,40 R$ haben wir die Strecke gemeistert, eine gute Entscheidung, gestern hätten wir mit dem Taxi knapp 70R$ pro Person gezahlt.

Um 11 Uhr erreichen wir dann die Kolonialstadt aus dem 17.Jahrhundert Parat? (30.000 Einwohner). Amerigo Vespucci sagte einmal: "Oh deus, se na terra houvese um paraiso, não seria muito lange daqui!" (Oh Gott, wenn es auf Erden ein Paradies gäbe, dann würde es diesem Fleckchen Erde ähneln!).

Parat? wurde 1667 gegründet und hat seinen Namen einer Legende nach bei der Aufteilung zwischen Gott und dem Teufel bekommen. Gott soll seinem Widersacher schliesslich ein kleines, verloren am Rande einer grossen Bucht gelegenes Plätzchen zugewiesen haben mit dem einsilbigen Kommentar: "? lá. Aquilo é para ti - Das da ist für dich!".

Bis 1954 konnte man diese unter Denkmalschutz stehende Kolonialstadt nur per Boot erreichen, mittlerweile führt die Bundesstrasse zwischen Santos und Rio ein paar Kilometer an diesem historischen Ort vorbei. Durch den Gold-Boom in Minas Gerais bekam das Städtchen großen Aufschwung, das Gold, Kaffee, Gewürze und Holz wurde über Paratís Hafen unter dem Schutz der Kanonen nach Portugal verschifft.

Neben dem Gold wurde die Stadt auch durch Hunderte von Zuckermühlen und Schnapsbrennereien berühmt, die den damals schon berühmten brasilianischen weissen Rum (Cachaça) herstellten und exportierten.

Parat? wuchs dank des Reichtums stetig an, mehrstöckige Villen, goldbestückte Kirchen und sogar Theater entstanden. Im Jahre 1844 wurde Parat? zur Stadt erklärt. Nach dem Niedergang des Goldbooms zur Jahrhundertwende bedingt durch den Verlust der strategischen Bedeutung des Hafens, sank die Zahl der Einwohner auf 600 Seelen, vor allem meist ältere Leute. Parat? drohte eine versunkene Stadt zu werden bis man in den 50er Jahren endlich ihren historischen und touristischen Wert entdeckte.

Wir finden eine schöne, preiswerte Pousada(100 R$ für drei), relaxen ein wenig und machen uns dann auf Sightseeingtour. Wir besichtigen den historischen Kern, wandeln auf den Kopfstein gepflasterten Gassen, die für den Autoverkehr gesperrt sind. In einem der netten Shops kauft Basti noch ein paar Souvenirs, danach machen wir einen kleinen Imbiss in einer Pizzaria und begeben uns zum Hafen. Dort herrscht reges Treiben, da die ganzen Schoner von ihrem Trip zurückkehren. Wir informieren uns, was so ein fünfstündiger Trip kosten würde und machen uns schliesslich auf den Rückweg.

Witzigerweise sind auf einmal die Kopfstein geflasterten Wege überflutet, man kommt sich vor wie in Venedig, alle haben ihre Hosenbeine hochgekrempelt und stapfen ganz normal durch das 5cm hohe Wasser. Eine richtige Erklärung für dieses Phänomen konnten wir nicht finden, aber wahrscheinlich liegt es daran, dass die Stadt nur fünf Meter über dem Meeresspiegel liegt, vor allem in der Hafengegend dürften es noch weniger sein. Nach fünfzehn Minuten ist der Spuk auch schon vorbei und die Strassen sind fast schon wieder frei von Wasser.

Nicht nur hier gab es eine Überflutung. Im Internet erfahren wir, dass es ein schreckliches Erdbeben in Asien gegeben hat. Schlagartig wird einem bewusst, dass man auch gefährdet hätte sein können, die letzten Tage haben wir ja auch reichlich am Strand geplanscht.
Zwar ist Brasilien aufgrund seiner Lage nicht von Naturkatastrophen betroffen, trotzdem nimmt einen so eine Katastrophe schon mit, vor einem Jahr war ich noch in Asien unterwegs, in genau den mittlerweile zerstörten Regionen.

Zurück in unserer Pousada holen wir ein wenig Schlaf von letzter Nacht nach, relaxen dann auf der Terrasse während ein Gewitter niederprasselt. Irgendwo in der Ferne trommeln mehrere Trommler ihren Sambarythmus. Basti und Stefan trinken die Minibar leer, ich mache diesbezüglich noch eine Auszeit nach gestern Abend. Schließlich stürzen wir uns ins Nachtleben und gehen in ein Restaurant mit coolem Ambiente und Livemusik. Preislich ist der Laden der Wahnsinn. Ein kleines Bier kostet 4,50 R$, ein Suco de Laranja 4 R$. Im Endeffekt beläuft sich die Rechnung auf 88 R$, dabei haben wir nicht viel konsumiert.

Danach trödeln wir durch die Gassen auf der Suche nach einer coolen Bar. Letztendlich versacken wir in einer Bar, wo nur die Brassis trinken, genießen von unseren Plätzen das Treiben auf der Strasse. Drei Skols (0,6 L) später sind wir auf dem Nachhauseweg und kommen in einer Nebengasse an einem Laden vorbei, wo nur Livemusik gespielt wird. Drinnen ist wenig los, draußen steppt der Bär und alle Brassis quatschen, saufen und knutschen.

Es klopft an unserem Fenster, wir werden geweckt. Stefans Wecker hat nicht geklingelt. Es ist bereits 10 Uhr, das Frühstück ist ein Highlight. Das Wetter ist bedeckt und da wir so spät dran sind fällt unsere Schonertour auch ins Wasser. Wir leihen uns dafür Mountainbikes aus, was nicht so ganz einfach ist, die Fahrräder sind in keinem guten Zustand, vor allem die Bremsen sind katastrophal. Dann finden wir aber noch einen Anbieter, wo die Bikes halbwegs in Ordnung sind.

Auf geht's ins Hinterland, Offroad zur Fazenda Murycana. Eine alte Farm aus dem 16./17. Jahrhundert mit Viehzucht, Handelsstation, Cachaça-Brennerei, Pferdezucht etc. Nachdem wir uns alles angeschaut haben, nehmen wir einen Trilha durch den Regenwald, der uns zu einem kleinen Wasserfall führt. Ich fall mit meinen neuen Trekking-Schuhen natürlich prompt ins Wasser, aber die Schuhe machen einen konstant guten Eindruck und halten dicht.

Da wir zeitlich kanpp dran sind, entscheiden wir uns dann doch für den späteren Bus nach Rio, kaufen uns noch kleine Daypacks(Rucksäcke für je 27 R$), geniessen ein billiges Essen für 10 R$ (namens Executivo), bevor wir uns wieder Richtung Pousada begeben und unsere Sachen holen. Nach vier Stunden Busfahrt erreichen wir den Rodoviaria von Rio, dort trennen sich die Wege von Stefan, Basti und mir. Stefan fährt zu seiner Freundin nach Cabo Frio, Basti und ich nehmen ein Taxi für 24 R$ nach Ipanema.

Rio de Janeiro ist dann mal wieder ein eigenes Kapitel wert.

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